Das “Vergiss Mein Nicht!”-Phänomen

Zwei Sachen vorweg: erstens geht es hier nicht zwangsläufig um meine absoluten Lieblingsfilme, sondern um meiner Meinung nach katastrophal oder überflüssigerweise ins Deutsche übersetzte Filmtitel, die mir sofort in den Sinn gekommen sind. Wahrscheinlich gibt es noch viel amüsantere Beispiele, die mir aber gerade spontan nicht einfallen. Zweitens muss ich gestehen, dass ich wirklich versucht habe – wenn auch nur kurz und recht dilettantisch – zu recherchieren, wer für diese kleinen Sünden der europäisch-amerikanischen Filmgeschichte zuständig ist, die das Cineasten- und Sprachliebhaberherz manchmal bluten lassen. Ich habe es nicht herausfinden können. Who’s to blame? Wahrscheinlich irgendwelche Creative Directors des deutschen Teams der entsprechenden Filmstudios. Oder so. Aber jetzt in medias res:

1) Eternal Sunshine of the Spotless Mind oder Vergiss Mein Nicht!

Der Anlass: ich habe mit dem Liebsten Schokoladeneis gegessen und diesen sehr traurigen Independant-Liebesfilm geguckt. Großartige Besetzung, großartiger Soundtrack (außerdem spielt Tom Waits’ “Rain Dogs” eine Rolle <3).
Der Originaltitel ist ein Vers aus dem Gedicht  Eloisa to Abelard des britischen Aufklärungsdichters Alexander Pope, in dem es um eine tragische Liebesaffäre geht, bei der die Heldin nur durch das Vergessen wieder glücklich zu werden glaubt. Wie im Film.
Nun ist mir klar, dass eine wörtliche Übersetzung hier nicht wirklich funktioniert.
“Endloses Sonnenlicht des unbefleckten Verstandes” wäre eindeutig zu viel des Guten. Aber Vergiss Mein Nicht!?!?! Das klingt nicht nach traurigem Oscar-nominierten Indie-Film, sondern nach seichter Romantic Comedy wahlweise mit Hugh Grant oder Ashton Kutcher und Drew Barrimore oder Cameron Diaz. Und DAS ist traurig.

2) In Bruges oder Brügge sehen…und sterben?

Das ist so ein Sonderfall, to be fair ist der auch ziemlich durchdacht. Wer den Film gesehen hat, weiß nämlich, dass es auf das wesentliche heruntergebrochen wirklich um nichts anderes als “Brügge sehen und sterben” geht. Okay, es geht noch um ganz viel anderes und Colin Farrell ist hier wirklich mal sehenswert und überhaupt hat der ganze Film eine ziemlich ungewöhnliche witzig-tragische Atmosphäre. Aber letztendlich geht es um die belgische Mittelalterstadt Brügge und den Tod. Der zweite Punkt: die deutsche Übersetzung ist eine Anlehnung an das geflügelte Wort “Neapel sehen und sterben”, das – wie mir Wikipedia verrät – entweder ein altes italienisches Sprichwort ist oder aber von Goethe auf seiner tollen Italienreise gesagt worden sein soll. Da hat sich also der verantwortliche Texter oder Übersetzer oder was auch immer schon was bei gedacht. Aber im Vergleich zu In Bruges ist es doch ein ziemlich umständlicher Titel…

3) One Day oder Zwei an einem Tag

Diesen Film habe ich nicht einmal gesehen. Ich habe nur – wieder mal – das Buch gelesen. Das englische Original. War okay, der Film wird vielleicht auch okay, aber mehr nicht. Aber was gibt es bitte an One Day zu rütteln? Das ist so ungefähr der simpelste Titel, der einem begegnen kann. Ganz abgesehen davon, dass Zwei an einem Tag irgendwie mal rein gar nichts mit der Geschichte zu tun hat, weckt dieser Titel seltsame diffus-perverse Assoziationen…und das ist ja wohl nicht Sinn der Sache.

4) Finding Neverland oder Wenn Träume fliegen lernen

Was ich mit dieser deutschen Übersetzung assoziiere, weiß ich nicht genau. Außer vielleicht das dringende Bedürfnis, klebrigen, fettigen Kitsch an der Tapete neben mir abzuwischen. “Träume” und “Fliegen”  sind einfach zwei zu große Worte für EINEN Titel. Außerdem: wie soll man bitte so darauf kommen, dass es sich hier um die (fiktive) Lebensgeschichte von J.M. Barrie, dem Autor von Peter Pan, beziehungsweise um die Entstehungsgeschichte des berühmten Theaterstückes handelt? Vielleicht hat mich dieser Titel sogar damals davon abgehalten, trotz Johnny Depp und Kate Winslet ins Kino zu gehen. Nicht zuletzt finde ich die offensichtliche Unterschätzung des Bildungshorizonts des durchschnittlichen deutschen Publikums kurios…abgesehen davon, dass heute wohl jeder den ein oder anderen Satz in englischer Sprache versteht, können auch über 80-Jährige und Fünftklässler die zwei Wörter Finding Neverland jawohl gerade noch dekodieren. Oder?

5) Never Let Me Go oder Alles was wir geben mussten

Geht es bitte noch ein kleines bisschen pathetischer? Das Buch von Kazuo Ishiguro und die meiner Meinung nach grandios-subtile filmische Umsetzung SIND zwar so traurig, dass es einen zerreißen kann (es geht um Klone und Organspende und zu kurzes Leben und verpasste Chancen und unausgesprochene Liebe…und so), aber sie leben vom Gefühl tauber, leiser Resignation und nicht von dick aufgetragenem Superschmerz. Argh! Vielleicht mal auf den Ton der Geschichte achten??

Im Internet kann man sich seitenweise durch dämliche Filmtitelübersetzungen klicken, aber da wird auch meistens auf entsprechend dämliche Filme Bezug genommen. Mich ärgern unglückliche Übersetzungen nur, wenn sie meiner Meinung nach der eigentlich hohen Qualität des Films nicht gerecht werden.

Dass man z.B. die britische Zombie-Bullen-Komödie Hot Fuzz (die zwar vielleicht einen gewissen Unterhaltungswert hat, aber nicht unbedingt zu meinen persönlichen Lieblingsoeuvres zählt) durch den Untertitel zwei abgewichste Profis ergänzt, ist mir relativ egal.  Gleiches gilt etwa für Dodgeball bzw. Voll auf die Nüsse (man merkt, ich bin kein Fan leichter Komödien, in denen es um Sport, Zombies, Sex oder Autos geht). Auch mit der Übersetzung des 80er-Streifens Knightriders  als Ritter auf heißen Öfen kann ich leben. Am Sinnlosesten ist übrigens The Village – Das Dorf. Oh Mann…

Es gibt allerdings eine Sache in diesem Zusammenhang, für die ich den Verantwortlichen jetzt schon danken möchte: es geht um die Verfilmung eines meiner Lieblingsbücher – Extremely Loud and incredibly Close von Jonathan Safran Foer. Ich möchte nicht erklären „worum es geht“, da die Handlung an sich nicht das wesentliche ist und man dieses Buch schlicht gelesen haben muss, um zu verstehen, wie GUT es einfach ist.
Wer den Trailer gesehen hat, muss jedoch Böses ahnen, da es sich offensichtlich um eine amerikanische Produktion handelt (und ich meine AMERIKANISCH amerikanisch), die mit Tom Hanks (ja, ok) und Sandra Bullock (och, nööö) eine scheinbar recht verkitschte Hollywoodversion der Geschichte erzählen und den Schwerpunkt auf den armen  kleinen Jungen, der an 9/11 seinen Daddy verloren hat, setzen will. DARUM GEHT ES DOCH GAR NICHT. Ich schweife ab.
Auch wenn ich den Film wahrscheinlich nicht sehen möchte, bin ich unendlich dankbar dafür, dass sie den relativ langen  und ungewöhnlichen Originaltitel Wort für Wort ins Deutsche übertragen haben.
So kommt bald nicht Die Oskar Schell Story, nicht Das Geheimnis des Schlüssels und nicht Ein Junge in New York in die Kinos, sondern:

Extrem Laut und unglaublich Nah. Es passt.

Über sturmglas

Neoromantikerin mit Liebe zu Wörtern / Brüdern / Schallplatten / Lyrik / Folk / Wein / Tom Waits / Backsteinmauern / Prag / Ballett / Erich Fried / September / Unsicherheit / Bob Dylan-Texten / Radfahren / Gewittern / Nouvelle-Vague-Streifen / Klavier / Sergio Larrain / Wolkenfarben
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